Viele im Fediverse haben vermutlich den Konflikt zwischen @ordnung und @scroom mitbekommen. Wegen eines rechtskonservativen Accounts, der zu langsam (oder mit zu langsamer Einsicht bei der Kommunikation) gelöscht wurde, sperrt chaos.social nun aus pragmatischen Überlegungen mastodonten.de. Die Wogen haben sich beruhigt, eine Aufhebung der Sperre scheint aber ausgeschlossen. Es lohnt sich außerordentlich, den Konflikt in einem größeren Kontext als Paradebeispiel zu betrachten.

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Das Muster ist nämlich schon öfters aufgetreten und wird noch öfters auftreten. Ich hoffe ich kapere diese Debatte nicht, wenn ich den Kontext erweitere. Es besorgt mich, weil das Konflikpotential technisch ausgedrückt eine Schwachstelle nicht nur im Fediverse, sondern in der gesamten bürgerlichen Gesellschaft ist, die v.a. von Rechten exploited werden kann. Das Feuilleton beschäftigt sich seit Monaten damit unter dem etwas verstellenden Begriff "Identitätspolitik" oder "Cancel Culture".

Neutraler ausgedrückt geht es darum in welcher Form und mit welchen Kollateralschäden gesellschaftliche Missstände beseitigt werden sollen und dürfen. Eine meist jüngere urbane Gesellschaft ist hier zu größeren Opfern bereit (die "Wokes"), während die meist älteren Linksliberalen sich um die Offenheit der Debatte und demokratische Prozesse sorgen. Die Boomer, die mit einem Glas Rotwein von Mallorca aus belustigt auf die Debatte schauen, klammere ich hier aus. Zwei Fälle sind besonders prominent:

Der "interne Bürgerkrieg" in der Redaktion der New York Times, der zur Selbstkündigung der Redakteurin Bari Weiss führte.
sueddeutsche.de/medien/new-yor
Und die kritischen Beiträge von Wolfgang Thierse und Gesine Schwan, die sich um das Wohlergehen auch der Mehrheitsgesellschaft sorgten.
sueddeutsche.de/leben/gesellsc
Beide Seiten haben dabei durchaus gute Argumente (ja, bitte weiterlesen, das ist wichtig zu verstehen!), aber auch prinzipielle Probleme. Eine grobe Skizze für euch:

Die älteren Linksliberalen betrachten die Probleme vor allem systemisch und legen Wert auf Prinzipien des Miteinanders. Sie sorgen sich vor allem darüber, dass bei vielen Älteren Ängste über den korrekten Ausdruck entstanden sind und so Sachen nicht mehr zur Sprache gebracht werden können. Diese Sorgen führen aber nach den Kritikern oft dazu, dass sich wenig ändert und im schlimmsten Fall mit unerträglichem Selbstmitleid die Debattenkultur auf der Metaebene beklagt wird.

Die "Wokes" hingegen können sich auch aus demographischen Gründen diese Debattiersalon-Gelassenheit nicht leisten und haben ohnehin mit dem unpolitischen Ellenbogenliberalismus der Boomer schlechte Erfahrungen gemacht. Sie setzen auf die wenigen schnellen Lösungen, die für sie erreichbar sind. Dazu gehört oft ein expressiver Moralismus, der sehr schematisch auf Sprache bzw. einzelne Begriffe angewendet wird. Das führt auch zu Krawall in Social Media. Auch ihnen wirft man Inszenierung vor.

Es ist offensichtlich, dass dieser Konflikt lösbar ist, wir alle sogar von beiden Polen profitieren. Die Ungeduld der Jüngeren könnte helfen, dass sich die Älteren auf eine systemisch und mit Prinzipien durchdachte Lösung einlassen. Wäre da nicht die Gefahr von außen: Dass der Konflikt von Kräften jenseits des Bürgertums so aufgeheizt wird, dass gar keine Lösungen mehr gelingen. Das Wissen und Verstehen der jeweils anderen Perspektive ist daher das wichtigste, was beide Gruppen vor sich haben.

Daher verfolgt bitte diese Feuilleton-Debatte, zieht die Perspektive der anderen Seite ein und bildet euch einen Standpunkt. Die SZ hat einige hervorragende Artikel und Kommentare dazu geliefert, die ich euch hier verlinke. Alle sind kostenpflichtig, aber können mit einem Probeabo kostenlos gelesen werden. Ansonsten kann man die Debatte auch gut aus anderen Quellen erschließen. Für wen selbst das nicht in Frage kommt, der soll sich mit Angabe von guten Gründen bei mir melden.

Jagoda Marinić vermisst bei Thierse das Gerechtigkeitsgefühl der SPD für unprivilegierte Minderheiten (Pro "Wokes")
sueddeutsche.de/meinung/identi

Interview mit Bari Weiss von der New York Times (Pro Linksliberal):
sueddeutsche.de/medien/new-yor

Gustav Seibt plädiert als Lösung dafür, die eigene Empfindsamkeit vom politischen Bürger zu trennen (wie immer etwas anspruchsvoll historisch)
sueddeutsche.de/kultur/corona-

@rufposten Vielen Dank für die gute und prägnante Zusammenfassung.

Ich hab es irgendwann nicht mehr aktiv verfolgt.

@lauteshirn @rufposten

Dem schließe ich mich an.
Du hast dir viel Schreibarbeit gemacht, um Im Grunde an die Vernunft und Empathie zu appellieren und das hast du in meinen Augen ziemlich gut durchgezogen.

@rufposten
Danke. Wir müssen da echt aufpassen.Ich sehe ein Problembüschel aus Wissensmangel, Mutlosigkkeit, ein bischen Ignoranz und mehr.
Woran ich nicht glaube: Dass irgendeine Verfahrensvorschrift sowas regeln kann. Immer wieder sind da Diskussionen und Abwägungen notwendig.
Was garantiert falsch ist: Solange als der Klügere nachzugeben, bis man der Dumme ist. Menschenfeindliche Inhalte muss ich nicht weiterverbreiten.
Auch nicht durch Duldung von Arschlöchern auf meinem Server.

@rufposten @ordnung Ich empfinde Vergleiche zwischen dem Handeln unserer Admins und cancel culture als unpassend. chaos.social hat sich imho von Anfang an klar positioniert, deswegen bin ich hier. Dass eine Instanz, die transfeindliche Posts duldet und auch noch aktiv als Redefreiheit verteidigt, geblockt wird, ist in meinem Interesse. So muss ich nicht alle einzeln blocken die mir auf die Nerven gehen. Vor allem als Privatperson muss ich nicht jede illegitime Meinung hören und diskutieren.

@tauli @ordnung "Cancel Culture" ist der Begriff von den Kritikern, daher habe ich markiert, dass ich mir den nicht zu eigen mache. Vielleicht findet man die Parallelen leichter, wenn man den Text von Thierse durchliest und darin die von dir genannte Position der Redefreiheit wiederfindet. Klar muss sich niemand mit nicht nachvollziebaren Meinungen beschäftigen, aber aus genannten Gründen empfehle ich das stark, weil dieser Konflikt zunehmen wird und instrumentalisiert werden kann.

@rufposten @ordnung Es ist aber nicht an dir zu bewerten, wann und wo ich mich mit welchen Meinungen auseinander setze. Mastodon ist gesamtgesellschaftlich von seiner Größe her unbedeutend. Selbstverständlich sind meine Interaktionen und mein Medienkonsum off- sowie online nicht darauf beschränkt, ja ich würde sogar sagen, dass ich trotz der aktuellen Situation die allermeiste Zeit außerhalb von Mastodon verbringe.

@rufposten @ordnung Dass hier mit viel Arbeit der Admins ein Raum entstanden ist, in dem vieles Negative keinen Platz hat, ist gut und richtig. Kritik von außenstehenden ist - wohlwollend ausgedrückt - unangebracht und übergriffig. Der Grad zwischen "mit allen Reden" und "extremen Meinungen eine Bühne bieten" ist schmal. Ich weiß nicht ob es zum aktuellen Problem eine bessere Lösung gegeben hätte, aber sie ist gut, und für mich nicht weiter diskussionswürdig.

@tauli @rufposten @ordnung
"Kritik von Außenstehenden"
ist wie alle andere Kritik auch genauso berechtigt wie sie zutreffend ist.

Natürlich gibt es keine pauschale Antwort auf die Frage "wieviel Unsinn tu ich mir an, bevor ich die Reißleine ziehe" -- aber die Gefahr, dass ein paar Trolle das Fediverse spalten indem sie mal hier mal da ihren Krempel posten ist ebenso gegeben wie die, dass besagte Trolle sich dauerhaft einnisten und die Luft vergiften. Ich würde keine davon ignorieren.

@Mr_Teatime @rufposten @ordnung Die Kritik ist unberechtigt, weil sie versucht in die Art und Weise einzugreifen, wie ich persönlich Grenzen setze. Das ist Privatsache, da lasse ich mir von Fremden nicht reinreden. Finde das nicht schlimm, dass das so geäußert wurde, aber ich wollte klar machen, dass das für mich keine ergebnisoffene Diskussion sondern maximal ein Meinungsaustausch sein kann.

@tauli @rufposten @ordnung
1/2
hmm... Du hast natürlich Recht, dass man anderen nicht vorschreiben, sie drängen oder sonstwie schieben sollte, persönliche Grenzen zu verschieben.

Das heißt natürlich nicht, dass man nicht darüber reden und diskutieren sollte. Ganz im Gegenteil.

Bewusst übertriebenes Beispiel: Strikt religiös/konservative Eltern, die ihren Kindern die laschen Sitten an deutschen Schulen nicht zumuten wollen.

Ich kann/darf sie natürlich nicht zwingen, ihr Weltbild zu ändern.

@tauli @rufposten @ordnung

2/3
...aber garnichts tun ist auch nicht gut, denn das geht zu Lasten der Kinder und der Gesellschaft im Allgemeinen. Und natürlich gehört die Problematik diskutiert.

Ich glaube der Unterschied zwischen Kulturimperialismus und konstruktivem Dialog liegt vor allem im Tonfall (hochgradig subjektiv...) und darin, ob man Forderungen stellt oder Argumente präsentiert.
Wobei hartnäckiges Präsentieren von Argumenten auch zu weit gehen kann ... schmaler Grad.

@tauli @rufposten @ordnung
3/3
...aber irgendjemand muss darauf wandeln, gerade wenn von allen Seiten so viel eskaliert wird.

Jede(r) muss selber wissen, wieviel Geduld sie/er investieren kann/will, aber soweit ich das sehe, ist mehr Geduld zur Vermeidung von Konfrontation immer besser für alle (solange niemand eindeutig böswillig handelt natürlich).

Eine (leider subjektiv...) freundliche Bitte um mehr Geduld sollte also immer in Ordnung sein -- ebenso wie sie ggfs. abzulehnen.

@tauli @rufposten @ordnung
Aaargh, ich komm auch nie zum Ende:
Was ich damit sagen will: Wenn's Dir reicht, reicht's Dir. Ich weiß nicht, wie Du den Tonfall von @rufposten empfunden hast (weil subjektiv). Unabhängig davon ist sein Hinweis, dass ständige Eskalation irgendwann zum Problem für alle wird, sachlich korrekt.

Ich hab die Fazits beider Admins gelesen, und ich glaub beide haben Nützliches und Gutes daraus gelernt. Wär aber besser, wenn es nicht immer erst knallen müsste, oder?

Fertig.

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